Unter dieser  Überschrift diskutieren wir im Buch das Verhältnis von  eventuell notwendigem Geheimnisschutz im Unternehmen und der durch Web 2.0 und Social Software  erzwungenen Transparenz.

Allgemeine Transparenz  ist für die meisten Unternehmen schwer bis unmöglich umsetzbar. Das genaue Gegenteil ist heute ein dermaßen fester Bestandteil der Unternehmenskultur und über einen sehr langen Zeitraum eingeübt, dass ein Wechsel nur unter enormen Anstrengungen möglich sein dürfte.

Die oftmals fehlende betriebliche Offenheit oder Transparenz, die häufige Undurchschaubarkeit von Prozessen, Beziehungen oder Bewertungen, läuft auf unterschiedlichen Ebenen ab. Nach draußen, gegenüber der Umwelt, ist die mächtigste Mauer errichtet. Man riegelt sich mithilfe von Arbeitsverträgen, Verschwiegenheitsvereinbarungen mit Lieferanten und Partnern, technischen Hilfsmitteln und nadelöhrähnlichen zentralen Abteilungen für Marketing, Unternehmenskommunikation oder Public Relations systematisch ab.

Begreiflicherweise wird es in Zeiten von E-Mails, sozialen Netzen, Twitter und Weblogs für Unternehmen immer schwieriger, Geheimnisse zu haben oder vertrauliche Informationen zu bewahren und zu schützen. Der vorbeugende und konspirative Aufwand übersteigt aus plausiblen Gründen immer häufiger den Nutzen. Technische Maßnahmen wie E-Mail-Analysen sind nicht immer juristisch vertretbar und untergraben das Vertrauensverhältnis zu den Mitarbeitern. Daher muss man heute sehr viel sorgfältiger vorher prüfen, was man wirklich noch zum Betriebsgeheimnis erklären möchte, dessen aufwendiger Schutz sich dann auch lohnt. Eine genaue Überprüfung würde wahrscheinlich Erstaunliches zutage fördern. In einigen Branchen der Wirtschaft muss man die Unterschiede zwischen den Unternehmen mit der Lupe suchen. Viele Mitarbeiter haben international vergleichbare Ausbildungen nach abgestimmten Richtlinien genossen. Maschinenbauingenieure zum Beispiel verfügen unabhängig von ihrer Ausbildungsstätte über sehr ähnliche Fähigkeitsprofile, und zwar weltweit. Das Gleiche gilt für fast alle anderen Studiengänge und Ausbildungsberufe.

Zurückhaltung und Schutz von Wissen und Informationen entscheiden immer weniger über Wettbewerbspositionen und Marktvorteile. Es nützt kaum noch, Wissensdaten aufwendig vor der Verbreitung außerhalb des Unternehmens zu schützen. Natürlich gibt es auch heute noch Informationen, beispielsweise Forschungsergebnisse und Patente, aber auch Kunden- und Lieferantendaten, die erhebliche Wettbewerbs- und teilweise auch Datenschutzrelevanz haben und deren Schutz sich deshalb lohnt. Dies dürfte allerdings deutlich weniger Informationen betreffen, als allgemein angenommen oder erwartet wird. Es ist heute üblich, erst einmal alles unter Geheimhaltung zu stellen und ausnahmsweise die Freigabe zu erteilen.

Wir sind allerdings der Meinung, dass die allgemeine Verfügbarkeit von Wissen ist zu groß, als dass es durch Zurückhaltung noch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könnte. Heute ist es eine entscheidende Fähigkeit, über die Unternehmen verfügen müssen, Wissen zu bewerten und produktiv einzusetzen. Das bessere Wissensmanagement entscheidet häufig über den Erfolg im Wettbewerb.

Offenheit und Transparenz, insbesondere über das Web 2.0,  sind daher zu einer großen Chance und zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden.

Wer die Früchte des Prinzips „Enterprise 2.0“ ernten möchte, kann auf weitgehende interne und externe Transparenz keinesfalls verzichten. Die Vorteile umfassender Verfügbarkeit betrieblicher Informationen sind enorm und dürften für die meisten Unternehmen viele, wenn nicht alle  befürchteten Nachteile mehr als ausgleichen. Effizienz sowie Wissensmanagement werden sich dadurch verbessern. Und das Beste: Der Arbeitsaufwand für Abstimmung und Schnittstellen kann deutlich reduziert werden.

Ein Kommentar bei “Mehr Licht! Mehr Transparenz!”

  1. Isabel Bauerkämper sagt:

    Den Feststellungen des Autoren-Teams kann ich nur zustimmen. In der Theorie und in der Praxis gibt es kein größeres Paradoxon, als das Problem „Betriebsgeheimnis vs. Enterprise 2.0“.
    Offenheit, das Prinzip des gläsernen Unternehmens und Wissensmanagement im betrieblichen Wiki kann nicht funktionieren, wenn Know-How unter Verschluss gehalten wird. Nachdem ich mich mehr als ein halbes Jahr mit dem Thema Enterprise 2.0 im Rahmen meiner Bachelorarbeit auseinandergesetzt habe und in zwei mittelständischen Unternehmen die Anwendung von Social Media untersuchen konnte, steht für mich fest, dass es in einem modernen Betrieb keine klassischen Betriebsgeheimnissen geben darf. Ein unternehmensinternes Wiki darf seine Funktion nicht verlieren, indem einige Bereich gesperrt sind. Führungskräfte müssen ihren Mitarbeitern vertrauen können, um produktiv zu arbeiten. Wer das Abenteuer Enterprise 2.0 wagt, muss Mauern einreißen und Licht ins vertrauliche Dunkel hereinlassen können!

    Wer Kompromisse im Bereich „Betriebsgeheimnisse“ eingehen muss und das Unternehmenswiki nicht einschränken möchte, kann immer noch auf ein separates Wiki setzen, auf das nur Führungskräfte Zugriff haben.

    – Isabel Bauerkämper

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