Nach 2 Monaten Arbeitsaufenthalt in Neuseeland lässt sich, nach meiner persönlichen Ansicht, Folgendes über Web 2.0 im Land der Kiwis sagen:
Die üblichen Verdächtigen wie Facebook, YouTube oder Twitter sind auch hier bekannt und werden, zu meinem überraschen, von sämtlichen Generation der Kiwis mit Vorliebe genutzt. Anders als in Deutschland sind 800 Facebook Freunde keine Seltenheit hier, ganz zu Schweigen von dem allseits bekannten Datenschutz-Problem, welches hier von eher geringem Interesse zu sein scheint.
Doch wie stehen Unternehmen zu diesem Thema?
Nachdem ich nun mittlerweile 2 Monate für die Niederlassung des deutschen Autobauers mit dem Stern im Marketing für Commercial Vehicles arbeiten durfte, lassen sich natürlich erste Rückschlüsse ziehen.
Social Media Marketing ist ein Fremdwort. Facebook-Kampagnen, wie sie etwa in den USA mittlerweile Gang und Gäbe sind, gibt es nicht. Überhaupt nicht. Web 2.0 ist zwar bekannt, fast jedoch komplett uninteressant. Zumindest in der B2B Branche, in der das Unternehmen tätig ist. Die Marktgröße ist einfach zu unrentabel für solche Kommunikationsmaßnahmen. Klassische Kommunikation in Form von Print und Radio Anzeigen stellen einfach wesentlich weniger Aufwand und wesentlich mehr Erfolg in Aussicht. Man kann es sich nicht leisten, das Budget auf Facebook oder Twitter zu “verzocken”.
Anders B2C Unternehmen oder öffentliche Personen.
Schaut man sich die Top 10 der NZ Company Twitter Accounts an, kommt man nicht um ein “Respekt” herum. Auch nicht, wenn es um die Steigerung der Follower, die im letzten Jahr stattfand, geht. VodafoneNZ konnte zum Beispiel auf knapp 8.000 Follower aufstocken. Vodafone_DE hingegen hat 8.800, bei einer mehr als 20–fachen Marktgröße. Der Prime Minister von Neuseeland twittert selbstverständlicher weise auch. Regelmäßig informiert er seine 10.500 Follower über Staatsbesuche und versorgt sie mit Bildern auf seiner Homepage.
Auch deutsche Politiker twittern, angeblich zumindest, wie Angela Merkel aka Angie_Merkel. Allerdings bleibt die Glaubwürdigkeit dieser Twitter Profile auf der Strecke. Tweets wie “TOP-NEWS: Nur #ZAZIKI kann Griechenland retten!” bestätigen dies.
Was sind die Kiwis uns also im Web 2.0 voraus?
Durch die geographische und mentale Nähe zu den US Amerikanern und Engländern geht man in Neuseeland wesentlich offener mit dem Thema Web 2.0 um als im gute alten Deutschland. Kundensupport über Twitter ist alltag, Tweets der Politiker über Staatsbesuche ebenso. Beachtlich auch das Interesse der Bevölkerung gegenüber solchen Web 2.0 Profilen. Mehr Follower bei einer Einwohneranzahl von 4,x mio. Auf Facebook ein ähnliches Bild, zwar verfügt man hier nicht über mehr “Like(r)” , allerdings hat man im Vergleich immernoch eine solide Fanbase. Angela Merkel – knapp 40.000, John Key knapp 27.000.
Web 2.0 scheint in downunder bereits seinen Weg in das Alltagsleben der Bevölkerung gefunden zu haben, kaum jemand der älteren Generation verfügt nicht über einen Facebook und/oder Twitter account. YouTube ist zu einem generellen Medium geworden und genießt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine ungemeine Popularität. Dies führte sogar zur Sperrung sämtlicher Web 2.0 Seiten in Unternehmen, die Probleme damit hatten, dass Ihre Mitarbeiter den ganzen Tag auf Facebook oder YouTube surften.
Eine Erfahrung, die ich persönlich, zumindest in dieser Form, noch nicht in Deutschland gemacht habe. Radiosender verweisen regelmäßig auf Facebook- oder Twitter-Profile und Ereignisse – eine Mode, die in Deutschland erst langsam ins Rollen kommt.
Wie das kommt?
- Die Kiwis unterscheiden sich generell sehr in Sachen Mentalität von den Deutschen.
- Gesiezt wird im Unternehmen niemand, egal ob Chief Executive Officer oder Praktikant.
- Es ist keine strenge Hierarchie zu spüren, wie man sie manchmal nur zu gut von traditionellen, deutschen Unternehmen kennt. Ein Standard-Prozedere bei jedem Geschäftstelefonat ist das “How are you today?” oder “Hope you are doing alright?” gefolgt von einem kleinen Smalltalk über die allgemeine Lage, bevor man dann wirklich zum eigentlichen Teil des Gespräches kommt. Die insgesamt lockere Atmosphäre, manchmal auch deutlich zu locker, spiegelt sich in sämtlichen Branchen und Firmen in Neuseeland wieder.
- Generell sind die Kiwis aufgeschlossener allem Neenn gegenüber. Probieren geht hier sprichwörtlich über studieren. Während man hier direkt voll darauf los steuert, würde in Deutschland erst eine Studie nach der anderen von Nöten sein, um so einen Prozess überhaupt erst zu planen.
Die Kiwis hinken den Deutschen in vielen Sachen hinterher, sind ihnen allerdings in Sachen Mediennutzung, Akzeptanz und Offenheit meiner Meinung nach weit voraus.